Interview
Im Gespräch mit Landrat Oliver Quilling (CDU):
der Neu-Isenburger Journalist Horst Reber.

Herr Quilling, nur noch wenige Wochen, dann entscheiden die Bürgerinnen und Bürger, ob Oliver Quilling weiterhin Landrat im Kreis Offenbach bleibt. Wie fühlt man sich vor so einem Wahltermin?

Oliver Quilling: „Nun ja, so cool, wie vielleicht mancher meint, bin ich nicht, auch wenn es bereits mein 5. Wahlkampf ist. Klar steigt die Spannung je näher der Wahltermin rückt. Das gehört einfach dazu und gilt, denke ich, für jede Persönlichkeitswahl. Es geht schließlich nicht nur um das Amt sondern vor allem um die Bewertung meiner Arbeit in den letzten 5 ½ Jahren. Sicher, ich bin überzeugt den richtigen Kurs für den Kreis Offenbach eingeschlagen zu haben, aber letztlich entscheiden darüber die Menschen im Kreis. Darum sind Wahlen ein wichtiger Gradmesser und glücklicherweise haben in unserem Land alle die Freiheit in der Wahlkabine das Kreuzchen dort zu machen, wo sie es wollen.
Außerdem fiebern viele Menschen in meinem Umfeld dem Wahlergebnis entgegen. Denn als Landrat bin ich immer auch Teamplayer. Nur mit einer guten Mannschaft kommt man erfolgreich voran. Das war mir bereits zu Beginn meiner Amtszeit als Bürgermeister von Neu-Isenburg klar. Viele Leute legen sich für mich ins Zeug und ich bin jedem dankbar, der mich in meiner Arbeit positiv und engagiert begleitet, inspiriert und logischerweise auch konstruktiv Kritik übt. In keiner Position macht man alles richtig.“

Hört sich gut an. Aber ist das die Realität des Alltags?

Oliver Quilling: „In der Praxis decken sich Anspruch und Wirklichkeit nicht immer eins zu eins, das ist aber in keinem Berufsleben so und als Landrat wird niemand geboren. Aber ich gehe offen auf alle Menschen zu und suche, wann immer es geht, das Gespräch. Das baut Vertrauen auf, hilft in vielen Fällen Missverständnisse aus der Welt zu schaffen und Fronten zu klären. Dieser Weg ist nicht immer bequem, aber so kann man eine Menge erreichen.“

Herr Quilling, habe ich jetzt gerade ein Lächeln bei Ihnen gesehen?

Oliver Quilling lehnt sich etwas zurück, dann kommt ein breites Lächeln der Zustimmung.

Oliver Quilling:„Sie haben das richtig gesehen. Weil mir genau dieser Arbeitsstil, nämlich der direkte Kontakt mit den Menschen, viel Freude macht. Ich möchte nicht abgehoben hinter meinem Schreibtisch hocken, sondern für die Leute innerhalb und außerhalb der Verwaltung da sein. Darum biete ich beispielsweise regelmäßig Bürgersprechstunden an. Dabei zeigt sich immer wieder, dass es ganz wichtig ist, sich Zeit für die Probleme zu nehmen, zuzuhören und sich zu kümmern. Dann wird auch akzeptiert, dass der Landrat nicht immer zu allem Ja sagen kann.“

Welche Themen liegen Ihnen mehr denn je als Landrat am Herzen?

Oliver Quilling: „Das ist eine etwas größere Themenliste. Ich beginne mal mit unseren kleinen Bürgern. Der Ausbau der Ganztagsbetreuung steht ganz vorne. Eltern erwarten zu Recht, das hat sich jüngst bei dem Streik gezeigt, verlässliche Betreuungsangebote und diese von der Kleinkindzeit bis ins Schulleben. Hier leisten die dreizehn Kommunen und die Trägervereine mit Ehrenamtlichen in unserem Kreis sehr Beachtliches. Der Bedarf steigt jedoch ständig und hier müssen wir dranbleiben. Allein in den Jahren 2013/14 haben wir jeweils 1,7 Millionen Euro Betriebskosten für die Nachmittagsbetreuung aufgewendet.
Inklusion beschäftigt mich außerdem. Gleiche Chancen im Rahmen der individuellen Begabung sollten selbstverständlich sein. Im Mittelpunkt muss aber generell das Wohl von Kindern und Jugendlichen stehen.
An der Bildung hat der Kreis schon in den vergangenen Jahren nicht gespart, da reicht der Blick in unsere Schulen, auch wenn dies zweifellos sehr viel Geld gekostet hat und noch kostet. Aber glücklicherweise sind wir ein als Wirtschaftsstandort gut aufgestellt.“

Darum haben Sie sich auch die Wirtschaftsförderung ganz besonders auf die Fahne geschrieben?

Oliver Quilling: „Der Kreis ist immer so stark und zukunftsfähig wie seine Wirtschaft; steigen die Gewerbesteuereinnahmen, steigen die Einnahmen des Kreises. Allein 2014 haben die kreisangehörigen Kommunen 183 Millionen Euro Gewerbesteuer eingefahren“

Und wie sieht es auf dem Arbeitsmarkt und mit der Jugendarbeitslosigkeit aus?

Oliver Quilling: „Vom Arbeitsmarkt gibt es durchgängig gute Nachrichten. Die Arbeitslosenquote bewegt sich schon längere Zeit unter 5 Prozent – man könnte fast von Vollbeschäftigung sprechen - und unser kreiseigenes Jobcenter „Pro Arbeit“ belegt mit seiner Vermittlungsquote bundesweit im Vergleich mit 150 anderen Centern einen beachtlichen dritten Platz.
Was mich ganz besonders freut: 2014 haben von den knapp 2500 jungen Leute, die einen Ausbildungsplatz gesucht haben, nur 14 keinen gefunden. Die Quote der Jugendarbeitslosigkeit liegt zwischen drei und vier Prozent und ich kann nur sagen: Jeder junge Menschen braucht eine Chance gerade mit Blick auf den demografischen Wandel.
Ich will Zahlen und Statistiken nicht überbewerten, aber jedes gute Ranking und jede positive Quotenentwicklung bestätigt, dass wir uns im Kreis Offenbach offensichtlich auf dem richtigen Kurs befinden.“

Ob Stadt oder Land – es geht maßgeblich um das Wohl von Menschen. Dazu gehört ein schöner Batzen Geld. Wie wollen sie den steigendem Bedarf und die wachsenden Ansprüche finanziell unter einen Hut bringen?

Oliver Quilling: „Gute Frage. Um die Einnahmen zu erhöhen, setzten wir auf Wirtschaftsförderung und Standortverbesserung. Dazu kommt die Forderung nach einer besseren Finanzausstattung der Kommunen. Es gilt aber auch – und da waren wir in den vergangenen 5 Jahren ebenfalls sehr erfolgreich – die Ausgaben zu konsolidieren. Hierzu nur zwei Zahlen: 2011 betrug das Defizit im Haushalt 95,2 Millionen Euro. Im Jahr 2015 ist es auf 31,4 Millionen Euro gesunken und ich bin optimistisch, dass wir 2018 erstmals nach 16 Jahren wieder mit einem ausgeglichenen Haushalt operieren können.“

Wohin fließen die Millionen aus dem Kreishaushalt?

Oliver Quilling: „Das sind mehrere Ressorts, aber etwa die Hälfte des Geldes wird im Sozialbereich mit Hartz IV gebraucht. Unsere bestausgestatteten Schulen kosten auch das ihre, aber dies war eine wichtige Investition. Bildung ist unverzichtbar, dazu brauchen Lehrer und Schüler aber moderne Fachräume und sie müssen sich in der Schule, in der sie zunehmend mehr Zeit verbringen, wohlfühlen.“

Also doch manch große Perspektive?

Oliver Quilling: „Es ist sicherlich nicht ganz einfach, für einen Kreis, der eigentlich mehr als gut dasteht, großartige Perspektiven zu entwickeln. Aber nichts ist so gut, dass man es nicht noch verbessern könnte oder wie heißt es so schön: Stillstand ist Rückschritt! Gute Standortdaten kommen nicht von selbst, dafür müssen wir alle, da schließe ich unsere Kommunen mit ein, die Weichen immer wieder neu stellen. Mit 340 000 Bürgern sind wir in Hessen der zweitgrößte Landkreis, flächenmäßig allerdings der zweitkleinste. Darum ist die Bezeichnung „Großstadt im Grünen“, die es früher einmal gab, eigentlich gar nicht so falsch. Mir gefällt dieser Titel. Er zeigt, dass wir im Kreis eine kommunale Gemeinschaft sind, die sich gemeinsam profilieren sollte. Darum ist erstmalig unter Moderation des Kreises ein Wirtschaftsförderkonzept in Arbeit, an dem alle 13 Städte und Gemeinden sowie die IHK beteiligt sind, darum betreiben wir federführend den flächendeckenden Breitbandausbau und darum konzipieren wir im Miteinander von vielen Beteiligten ein Leitbild für die Mobilität.“

Also aus Sicht des Landrates Oliver Quilling eine erste Bilanz, die auch stolz macht?

Oliver Quilling: „Stolz ist das falsche Wort. Aber natürlich erfüllt es mit Befriedigung, wenn man das Ruder beherzt in die Hand genommen hat, feststellt, dass sich etwas positiv in Bewegung setzt und sieht, dass andere engagiert mitziehen. Und darum würde ich gerne am Ruder bleiben. Im Übrigen gilt für mich wie für viele andere: Zufriedenheit im Beruf überträgt sich auf alle Bereiche des Lebens auch im Privaten.“

Herr Quilling, haben Sie denn ein Privatleben bei all den Verpflichtungen mit 13 Gemeinden und immer neuen Aufgaben? Ich denke nur an die vielen Asylanten?

Oliver Quilling: „Natürlich habe ich ein Privatleben und das ist notwendig um Abstand zum politischen Arbeitsalltag zu bekommen und die Bodenhaftung zu behalten. Wenn Sie meine Frau Andrea fragen, die mich oft teilen muss bzw. mich zu vielen Terminen gerade am Wochenende begleitet, wird sie sicherlich sagen, es könnt` ein bisschen mehr Privatleben sein. Für ihr Verständnis bin ich mehr als dankbar, denn es ist nicht selbstverständlich.
Wie gut wir es aber tatsächlich haben, zeigt sich beim Thema Flüchtlinge, das uns in den kommenden Jahren sicher noch intensiv beschäftigen wird.
Asylantenschicksale gehen unter die Haut. Aus der Heimat vertrieben, auf der Flucht vor Terroristen oder einem Staat, der Kinder ins Militär presst, auf Nussschalen im Mittelmeer, die Bilder rühren an, appellieren an unsere Menschlichkeit und fordern Humanität. Darum ist eine positive Willkommenskultur notwendig und sie wird in unserem Kreis vorbildlich gelebt. Unabhängig davon brauchen wir Lösungen, wie den Menschen praktisch Hilfe geleistet werden kann, von der Beschaffung der Unterkunft bis hin zum Deutschunterricht. Die Diskussion um Geld darf aber niemals die christliche Pflicht zur Hilfe übertönen. Denn die Menschen, die zu uns kommen, sind eine Bereicherung für unsere Gesellschaft. Da habe ich eine ganz klare Haltung.“

Nicht alle Bürger, glücklicherweise ist dieser Prozentsatz relativ gering, sehen das so.

Oliver Quilling: „Aber dennoch, Verständnis und Vernunft haben schon viel bewirkt, denke ich. Es gibt viele Aspekte. Das Positive überwiegt eindeutig. Und wir brauchen gerade die jungen Zuwanderer, um unsere Zukunft zu gestalten. Zum Beispiel in zahlreichen Berufen, in denen Nachwuchsmangel herrscht, oder im Ehrenamt, beispielsweise bei der Feuerwehr oder in Vereinen. Ich sehe immer wieder viele Beispiele für gelungene Integration. Man muss nur genau hinschauen, ohne Vorurteile.“

Wie sieht Ihre Devise für die kommenden politischen Jahre aus?

Oliver Quilling: „Viele wissen, dass ich in meiner Freizeit ein leidenschaftlicher Segler bin. Da geht es nicht immer nur glatt gerade aus, da liegt man mit dem Boot manchmal hart am Wind, gelegentlich gibt es sogar Gegenwind, manchmal muss man kreuzen. Niemals sollte man aber den Kompass aus dem Auge verlieren, um den Kurs klar halten zu können.“

Herr Quilling, ich danke für das Gespräch.